Vorweg: Ich kenne und unterstütze die Haltung der Fusion zum Thema Fotografieren ausdrücklich. In den FAQ steht dazu:
„Bitte respektiert den Wunsch nach einem geschützten Freiraum, wo wir alle – Gäste, Artists, Crews – sein können, wie wir sein wollen: frei, unkontrolliert und unfotografiert. Wir bitten euch eindringlich, mit euren Fotos und Filmchen verantwortungsbewusst umzugehen, sodass das Recht am eigenen Bild gewahrt bleibt. Das Hochladen von Fotos und Videos mit erkennbaren Fusionist:innen, die keine Einwilligung dazu gegeben haben, ist ein eindeutiges No-Go.“
Das finde ich richtig und wichtig.
Was ich allerdings dieses Jahr mehrfach erlebt habe, hat mich nachdenklich gemacht. Alle drei Situationen sind mir innerhalb von 24 Stunden passiert – vom Closing an der Tanzwüste über eine Mondaufnahme auf der Landebahn bis zum Bachstelzen-Closing. Erst dadurch hatte ich das Gefühl, dass dahinter vielleicht mehr steckt als drei völlig unabhängige Missverständnisse.
1) Bachstelzen-Closing-Set Tanzfläche. Ich wollte einen Track shazamen. Wegen des schlechten Empfangs musste ich das Handy etwas hochhalten und versuchte sogar, die Kameras mit der Hand abzudecken, weil mir bewusst war, dass das missverstanden werden könnte. Nach kurzer Zeit kam jedoch jemand auf mich zu und versuchte mir ohne ein Wort das Handy aus der Hand zu schlagen bzw. zu reißen. Erst nachdem ich ihm den Bildschirm zeigte und klar wurde, dass ich gar nicht filmte oder fotografierte, beruhigte sich die Situation. Eine Entschuldigung gab es nicht.
2) Closing-Set Tanzwüste. Ich hatte meine Fuji-Kamera dabei und wollte ein Erinnerungsfoto von zwei Freundinnen machen. Wir haben bewusst gewartet, bis die Nebelmaschine lief, sodass praktisch nichts außer den beiden Personen und Nebel zu sehen war. Es waren keine erkennbaren Besucher:innen im Hintergrund.
Noch bevor überhaupt jemand mit uns gesprochen hatte, wurde ich von hinten kräftig von einem großen Mann geschubst und auf meine Freundinnen gedrückt. Danach wurde laut gepöbelt, wir „sollten verschwinden“, denn auf der Fusion herrsche schließlich „ein Fotoverbot“. Ich habe mehrfach versucht zu erklären, worum es tatsächlich ging und dass wir selbstverständlich aufgehört hätten, wenn sich jemand daran stört. Dazu kam ich aber kaum, weil ich ständig unterbrochen wurde.
Was die Situation für mich zusätzlich unangenehm gemacht hat, war das Kräfteverhältnis. Wir waren drei Frauen. Erst schubste mich ein deutlich größerer Mann von hinten, anschließend standen plötzlich drei große Männer vor uns und pöbelten auf uns ein. Ob das Geschlecht dabei irgendeine Rolle gespielt hat, kann und will ich gar nicht beurteilen. Für mich blieb vor allem das Gefühl zurück, wie schnell aus einer Situation, die man mit einem einzigen Satz hätte klären können, eine körperlich einschüchternde Konfrontation wurde.
Eine dritte Situation hatte ich am Sonntagabend auf der Landebahn. Ich fotografierte mit einem ausgefahrenen Teleobjektiv ausschließlich den Vollmond. Niemand war im Bild. Trotzdem wurde ich angesprochen und darauf hingewiesen, dass auf der Fusion angeblich „ein Fotoverbot gelte“. Nachdem ich das Bild gezeigt hatte, war die Sache auch erledigt.
Genau hier liegt für mich der Punkt:
Ja, die Fusion soll ein möglichst fotografiefreier Raum sein. Ja, man sollte sehr verantwortungsvoll mit Kameras und Handys umgehen. Ja, wenn jemand das Gefühl hat, fotografiert zu werden, verstehe ich absolut, dass das Unbehagen auslösen kann.
Aber all das rechtfertigt nicht, Menschen anzufassen, zu schubsen oder ihnen Dinge aus der Hand schlagen zu wollen.
Zwischen “Ich glaube, du fotografierst gerade” und körperlich werden gibt es einen ganz einfachen Zwischenschritt: miteinander reden.
Ich gehe seit fast zwanzig Jahren auf die Fusion und bin seit fast zehn Jahren als Supporterin bzw. Crew dabei. Gerade deshalb schätze ich diesen geschützten Raum sehr. Umso wichtiger finde ich, dass wir die Werte, die wir schützen wollen, nicht dadurch untergraben, dass wir anderen Menschen mit Aggression begegnen.
Awareness bedeutet für mich nicht nur, Menschen vor unerwünschten Fotos zu schützen. Awareness bedeutet auch, Konflikte respektvoll, ruhig und verbal zu lösen.
Ich verstehe total, warum Menschen sensibel reagieren, wenn irgendwo Kameras oder Handys hochgehalten werden. Das ist schließlich Teil dessen, was die Fusion besonders macht. Lieber einmal zu viel hinschauen als einmal zu wenig.
Was mir dabei außerdem aufgefallen ist: Einige scheinen inzwischen davon überzeugt zu sein, dass auf der Fusion grundsätzlich ein generelles Fotoverbot gilt. Das stimmt so aber nicht. Es geht vielmehr um einen verantwortungsvollen Umgang mit Fotos und darum, dass niemand gegen seinen Willen erkennbar fotografiert oder veröffentlicht wird. Das ist für mich ein wichtiger Unterschied.
Ich wünsche mir einfach, dass wir bei aller Aufmerksamkeit füreinander genau diese Kultur auch im Umgang miteinander leben.
Ein „Hey, fotografierst du gerade?“ oder „Kannst du das bitte lassen?“ passt für mich viel mehr zur Fusion als jemandem das Handy aus der Hand schlagen zu wollen oder sie/ihn zu schubsen.
Ich habe überhaupt kein Problem damit, angesprochen zu werden. Im Gegenteil – wenn jemand denkt, ich würde gerade gegen diesen Grundgedanken der Fusion verstoßen, dann wünsche ich mir, dass die Person mich anspricht. Genau dafür sind wir doch eine Community.
Was mir Sorgen macht, ist etwas anderes: Wenn Awareness in Selbstjustiz umschlägt und körperliches Eingreifen offenbar als legitimer erster Schritt empfunden wird, dann entfernen wir uns von genau den Werten, die wir eigentlich schützen wollen.
Vielleicht hatte ich einfach außergewöhnlich viel Pech. Trotzdem beschäftigt mich, dass mir alle drei Situationen innerhalb von 24 Stunden passiert sind. Deshalb würde mich wirklich interessieren, ob andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder ob das einfach drei sehr unglückliche Einzelfälle waren.
Küsse lärzwärts