Resümee - letztes Mal Fusion

awe
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von awe »

Ich hab es nicht so extrem erlebt wie Du und habe persönlich wieder nur Schönes erlebt, aber ich verstehe schon auch was Du meinst.

Ich hab vor allem diese spontanen Aktionen zwischen random people sehr vermisst. Wenn ich dann mal in der Laune war, hin und wieder heitere Kommentare zu machen zu den Leuten, die gerade neben mir stehen, hab ich größtenteils eher kalte Reaktionen bekommen, was ich sehr ungewohnt fand.

Am Sonntag war für mich dann ganz stark wahrzunehmen, dass dort wo ich mich vornehmlich aufgehalten hab, die meisten Leute (ich inklusive) unter Einfluss dieser gewissen bewusstseinserweiternden Substanzen standen. Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl vom kollektiven Vernetztsein beim Tanzen. So viel freundlicher Blickkontakt ohne Hintergedanken, so viel gemeinsam empfundene Euphorie und Heiterkeit. Wow, hatte fast vergessen wie das ist...

Nicht falsch verstehen, ich will hier überhaupt nichts propagieren und alle müssen für sich am besten wissen, was ihnen gut tut und was nicht (auch wenn ich mir da nicht immer so sicher bin...). Die meisten Menschen, die ich kenne oder mit denen ich geredet habe, lassen auch lieber die Finger von dem ganzen psychedelischen Kram und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass so einige von ihnen das auf einem Festival wie der Fusion auch nicht vertragen würden. Aber dafür stehen dann bei so vielen Anderen fünf Tage in Folge Teile auf dem Menü und ne Nase Koks wird auch nicht verneint. Das bringt einen halt doch in einen anderen Modus. Wenn ich dann sage, dass ich in die Tubebox oder ins Neuland gehe, werd ich schief angeguckt, weil für so Viele das Festival nur aus Turmbühne, Tanzwüste und Bachstelzen besteht (gegen die will ich per se nix sagen, ich hatte zwei absolute Highlights an der Tanzwüste dieses Jahr).

Diese Entwicklung ist auch nicht neu, hat sich in diesem Jahr aber definitiv noch mal deutlicher spüren lassen. Und ja, irgendwie geht sie auch mit einer gewissen Verschiebung im musikalischen Fokus einher. Die Vielfalt ist immer noch sagenhaft groß und ich habe auch keinen Grund mich so richtig zu beschweren. Aber die Präsenz von Artists, die man aus dem Mainstream kennt, ist in meinen Augen leicht gewachsen, und dieser Trend beunruhigt mich ein bisschen. Ich vermisse ein bisschen die Zeiten, wo mehr internationale und nationale Acts vertreten waren, die zwar kommerziell erfolgreich, aber weniger Partymainstream waren. Plötzlich wirkten manche Bereiche des Festivals so, als wäre ich gerade aufm Hurricane...

Gleichzeitig mit diesen Bands, die man auch aus dem Radio kennt (ok, Fettes Brot waren auch mal vor Jahren da, und ich find's auch cool :P ), fielen mir auch immer mehr Floors auf, an denen plötzlich Playlists liefen, die haargenau so in der Reihenfolge auch im Mainstreamradio laufen könnten. Ich nehme mir nicht raus, darüber zu urteilen, dass da offensichtlich sehr viele Menschen einen Riesenspaß dran haben und regelrecht ekstatisch sind. Ich bin immer voll dafür, allen ihren Spaß zu lassen. Nur finde ich es sehr bedauerlich, dass riesige Floors mit Radio Gaga bedudelt werden (in meinen Ohren, sorry für das Wording...), während ich übers Gelände hin und her flippe um Künstlerinnen und Künstler zu finden, die es wirklich ernst meinen und sich mit Musik ausdrücken und mir meinen Horizont erweitern. War dieses Jahr leider echt nicht so erfolgreich wie sonst...

Allerdings waren die "wenigen" Highlights, die ich gefunden habe mal wieder alle der komplette Wahnsinn, deswegen will ich diese Entwicklung auch Niemandem explizit vorwerfen. Und allein schon um das im Blick zu behalten, werde ich weiter hinfahren. Ich sehe da nämlich auch einen Zusammenhang zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Diese blöden Krisen und die krasse Spaltung der Gesellschaft hat ganz schön viele Menschen sehr verunsichert und das schwindende gegenseitige Vertrauen macht es noch schwerer, sich auf einander ohne Vorbehalte einzulassen. Ich kann mir schon sehr gut vorstellen, dass das auch eine gewisse Auswirkung auf den Fusionvibe hat.

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass der Fokus wieder etwas stärker darauf gelegt wird, der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung etwas entgegenzusetzen, progressiv über wichtige Fragen nachzudenken und Impulse gegen die Spaltung auszusenden. So sehr ich den exzessiven Hedonismus dort liebe, aber das Bedienen von Wohlfühlerwartungen könnte man minimal zurückschrauben, genauso wie die musikalische "Hitdichte". Ich befürchte das hat schon einige liebe Menschen vergrault...
dende
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von dende »

Das Vorgedrängel war dieses mal schon extrem.
V.a. bei den Performance Acts im Stelzenwald (Velvet Soup). Alle, die rechtzeitig kamen haben sich hingesetzt. Es kamen aber bei den Vorstellungen immer wieder Leute mitten während der Show, wollten auch was mitkriegen und haben sich in die sitzende Menge gestellt und damit vielen Sitzenden die Sicht genommen. Einige sind selbst nach mehrfachen Hinweisen nicht mehr gegangen. Das war schon grob asozial.

Mein bestes Erlebnis war aber in der Bar im Family Camp. Stehe an der Bar, will gerade bestellen, kommt eine Frau zu mir und fragt ob man hier Getränke bestellen kann. Als ich dies bejahte, schob sie sich vor mich an die Bar (und damit mich unter Körpereinsatz nach hinten) und bestellte mehrere Getränke. Das habe ich selbst in vollen Clubs noch nicht erlebt. Wahnsinn. :D
bijibiji68
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von bijibiji68 »

MasterLee0423 hat geschrieben: Di 5. Jul 2022, 13:38 Was ich gar nicht okay fand, ist das Verteilen von YPJ-Fähnchen ohne irgendeinen Kontext (ich bin da eher Pazifist).
Was ist das denn für ein Unsinn? Wie sollen sich die Leute in Rojava denn mit PaZiFiSmUs gegen die Invasion des türkischen Staates oder den IS verteidigen? Da gibts eines der größten, hoffnungsgebendsten solidarischen Projekten und hier wird kritisiert, wenn sich auf einem Festival, dass sich auch irgendwie als solidarischer Raum verstehen will damit solidarisiert wird (ohne ein Partywochenende mit einer Revolution vergleichen zu wollen lol) - Ich glaubs nicht! Wenn man was an der Fähnchen-Aktion kritisiern kann, dann, dass eine feiernde Menge mit Fahnen ganz schön wenig ist gegen einen kriegerischen Angriff. Ich fand sie dennoch gut und absolut richtig!
KKFW
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von KKFW »

Kann mich dem Gefühl des Thread-Erstellenden anschließen. Vor allem der palapa-hashtag hat mich heftig schmunzeln lassen.

Fahre seit bald gut zehn Jahren auf die Fusion. In den letzten beiden Jahren vor Covid empfand ich bereits, dass es vor Ort während des Festivals unangenehmer wird. Die Menschen reden mehr und mehr über einen statt mit einem. Gleichzeitig nimmt das (aus meiner Sicht lediglich ungekonnte) Geballere mehr und mehr zu. Früher empfand ich, dass die Menschen auf den Floor gingen, um zu tanzen. In den letzten Fusions war ich richtig, richtig froh, wenn ich mal auf einem Floor war und alle um mich oder uns herum wirklich nur mit tanzen beschäftigt waren. Vermehrt erscheint mir aber, dass Menschen oft viel zu druff und viel zu sehr im Laberflash sinnlos mit ihren Grüppchen aufm Floor rumstehen. Wozu und worum das in so einem Maße praktiziert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Führt die Gespräche doch bitte außerhalb der Floors. Die Fusion bietet wunderschöne Plätze, um sich zu unterhalten und in den meisten Fällen Gespräche zu ermöglichen, die für alle einen gewissen Mehrwert haben. Das, was dann aufm Floor meistens noch mitgehört werden kann, weil die Laberhainis nicht auf ihre Lautstärke klarkommen, klang jedenfalls nicht nach mehr Mehrwert, sondern eher wirklich einfältig und öfter dachte ich mir, dass es echt gut wäre, wenn die sprechende Person zumindest ein klein wenig nachgedacht hätte, bevor sie etwas sagt.

Wie immer war auf dem Trancefloor die angenehmste Stimmung. War selber vielleicht nur insgesamt 4 Stunden da, weil mir die Musik auf Dauer nicht passt, aber dort steht wirklich fast die meiste Zeit das gemeinsame Tanzen im Vordergrund.

Darum sollte es aufm Floor auf einem elektronisch angehauchten Polit-Musik-Festival auch gehen.

Das Booking und die Musik war dieses Jahr besser als erwartet, auch wenn bei mir der Eindruck vorherrscht, dass das Prinzip "bekannt und bewährt" immer noch entscheidendes Kriterium ist.

Nichtsdestotrotz hatte ich wieder natürlich tolle Momente, von denen ich sehr lange zehren kann, aber insgesamt heißts trotzdem: Fusion, komm mal auf dich klar!
awe
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von awe »

Je länger ich drüber nachdenke, umso mehr hab ich den Eindruck, dass es mehr als sinnvoll wäre, doch noch mal über das Thema Eintrittspreise nachzudenken, in der Hoffnung, möglicherweise eine solidarischere Lösung zu finden. Einen Weg, die Preise so zu staffeln, dass die, die nun aufgrund der hohen Kosten ausgeschlossen sind auch wieder die Möglichkeit haben teilzunehmen.

Ich persönlich halte die Höhe des Preises für angemessen, ja sogar noch niedrig, für das was auf der Fusion geboten wird. Aber ich verdiene neuerdings auch EinsSieben netto, was zwar nicht die Welt ist, aber immer noch so dicke ausreicht, dass mir die 220€ nicht wehtun. Das war 2018 noch ganz anders, und ich bin so dankbar, dass ich all die Jahre zuvor so günstig an der Fusion teilnehmen konnte.

In meiner jetzigen Position wäre ich durchaus bereit, solimäßig noch mal 50 € mehr für den Eintritt zu bezahlen, wenn das dazu beitragen würde, dass wieder mehr Menschen, die ohnehin schon viel zu sehr kulturell benachteiligt und ausgeschlossen werden, die Möglichkeit bekommen teilzunehmen. (Verdammt viel Geld, aber wenn ich mir leisten kann meine blöde sauteure NorthFace-Jacke mit aufs Festival zu nehmen, relativiert sich das schon wieder...)

Allerdings würde ich bestimmt auch noch mal kritischer auf die Ausgaben gucken, wenn ich einen Solibeitrag zahlen würde. Ich steck überhaupt nicht im Thema drin, aber ich stelle mir unter anderem so Fragen wie 'Welche Kosten wohl so ein Palapa erzeugt, dafür, dass es an den fünf Tagen nur von einer handvoll Acts bespielt wird?'
Zuletzt geändert von awe am Di 5. Jul 2022, 20:09, insgesamt 1-mal geändert.
awe
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von awe »

Je mehr Menschen nicht in der Lage sind, sich den Eintritt zu leisten, umso mehr wird das Los auf Menschen aus einkommenstärkeren Gruppen fallen. Simple as that.
Knecht
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von Knecht »

Solche Postings gibt es seit Jahren und nach jeder Fusion. Alles wird immer schlimmer, die Atzen, die ganzen komischen Leute.. irgendein "Vibe" der plötzlich nicht mehr zu finden ist.. dabei vergessen viele dass vor allem sie selber älter werden und sich damit ihre Wahrnehmung ändert. Oft sind es dann auch so Allgemeinplätze wie "alle werden immer Egoistischer" oder "nur noch Smartphones" usw. Mir ging nur 1 mal ein Typ in der Räuberhöhle auf die Nerven der zehn Minuten lang nicht gemerkt hat dass er durch seine ausladenden Bewegungen ständig sein Körperteile in meine rammt. Sonst wie immer: Grundsätzlich respektvoller Umgang miteinander! Typen mit Kopfschmuck nerven, aber hey, von einem nervigen Typ auf 70k Besuchern sollte man sich die Laune nicht verderben lassen. Nationalsymbole habe ich keine gesehen.

Aufgefallen ist mir nur folgendes: Der Altersdurchschnitt scheint mir etwas höher als früher. Diese Gruppen der ganz jungen Glitzer Boys & Girls waren irgendwie weniger? Selfie Stick habe ich keinen gesehen und eine professionelle Kamera für social media quatsch ebenfalls nicht. Natürlich machen die Leute mal selfies, aber dagegen spricht doch auch nix.

Theorie: Durch den hohen Preis gehen die Jungen Leute eher auf andere Festivals. Ich bin mir nicht sicher ob ich mir das Festival während der Studizeit hätte erlauben können, sofern damals die Preise schon so hoch gewesen wären.

Der Preis ist hoch, aber wer daraus einen Vorwurf formuliert lebt scheinbar hinter dem Mond. Schuld ist nicht die Fusion sondern die bestehenden Verhältnisse. Ich weiß dass viele Linke/Hippies keine Zeitung lesen weil sie mit den schlechten Informationen nicht klar kommen. Demnach dürfte ihnen auch entgangen sein was gerade wirtschaftlich abgeht. Erzeugerpreise gehe durch die Decke, leere Kassen müssen gefüllt werden, von der Inflation ganz zu schweigen. Mich würde es nicht wundern wenn der KuKo e.V nach dieser Fusion in finanzielle Schieflage gerät. Immerhin haben einige ihr Ticket vor 2 Jahren bezahlt. Vieles war da noch günstiger als heute.

Ich freue mich schon auf die nächste Fusion. Wer nicht mehr herkommt weil "alles immer schlimmer wird" kann gerne zuhause bleiben.
rattentatten
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von rattentatten »

KKFW hat geschrieben: Di 5. Jul 2022, 17:27 Die Menschen reden mehr und mehr über einen statt mit einem. Gleichzeitig nimmt das (aus meiner Sicht lediglich ungekonnte) Geballere mehr und mehr zu. Früher empfand ich, dass die Menschen auf den Floor gingen, um zu tanzen. In den letzten Fusions war ich richtig, richtig froh, wenn ich mal auf einem Floor war und alle um mich oder uns herum wirklich nur mit tanzen beschäftigt waren. Vermehrt erscheint mir aber, dass Menschen oft viel zu druff und viel zu sehr im Laberflash sinnlos mit ihren Grüppchen aufm Floor rumstehen. Wozu und worum das in so einem Maße praktiziert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Führt die Gespräche doch bitte außerhalb der Floors.
Word! Das Problem am Drogen nehmen sind nicht die Drogen, sondern die Leute :o. Ich habe zwar immer den Eindruck, dass es mit Pepkriegerinnen und Ballerschwestern ganz gut klappt mit dem Umgang auf dem Dancefloor, aber diese Labertaschen checke ich auch nicht. Sehe da vor allem die jungen Koka- und Emmanasen. Und ab 4 Uhr ist dann großes Sülzen im Comedown angesagt.

Ich hatte auch gar nicht das Gefühl, dass es so die Raver waren, die mich umgerannt haben. Klar ich checke mal auch nicht, dass ich jemanden näher rücke beim Tanzen als gedacht oder jemand im kompletten Film rempelten einen an. Die meisten hatten aber sehr klare Augen, in größeren Gruppen und ziehen es einfach durch, durch eine tanzende Gruppe mit 10 Leuten zu laufen... Der Platz war mehr als im Club, aber ehrlich gesagt, war das Verhalten echt schlimmer. Zustände wie im Schlauchdancefloor des Blanks... Am Donnerstag ging es noch echt sehr gut, aber am Samstag kam glaube ich bei mir einmal das Gefühl eines Raves auf, dass sich alle im gleichen Takt, gemeinsam tanzen.

Es bräuchte mal ne Schulung im Dancefloor Etikette. Gibt ja auch einfach ein jüngeres Publikum, dem das vielleicht fehlt. Mehr Tanzen, weniger reden! Sich entschuldigen wenn man jemand anrempelt. Raustanzen statt herauslaufen in einer geraden Linie.
ulix
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von ulix »

Ich fand es, bis auf die Handy-Seuche, eigentlich geil wie immer (erstes mal 2012 da gewesen).

Man weiß ja dass die ganz alten Hasen schon damals sagten, es sei nicht mehr wie früher, aber das haben sie schon immer so gesagt, von daher...

Als Cis-Mann werd ich wahrscheinlich nicht soviel angerempelt, und wenn dann hab ich es eh gleich wieder vergessen, aber kann schon sein dass die Leute da etwas rücksichtsloser waren (ich hoffentlich nicht).

Aber jo, in Sachen Fotos und Handies wünsche ich mir fürs nächste mal auch klare Ansagen und Schilder wirklich ÜBERALL. "Keine Fotos", oder wenigstens "keine Fotos in die Menge".

Ist auch leichter Leute darauf anzusprechen, wenn man einfach auf ein Schild zeigen kann.
Teletubby
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Re: Resümee - letztes Mal Fusion

Beitrag von Teletubby »

awe hat geschrieben: Di 5. Jul 2022, 19:51 Je länger ich drüber nachdenke, umso mehr hab ich den Eindruck, dass es mehr als sinnvoll wäre, doch noch mal über das Thema Eintrittspreise nachzudenken, in der Hoffnung, möglicherweise eine solidarischere Lösung zu finden. Einen Weg, die Preise so zu staffeln, dass die, die nun aufgrund der hohen Kosten ausgeschlossen sind auch wieder die Möglichkeit haben teilzunehmen.

In meiner jetzigen Position wäre ich durchaus bereit, solimäßig noch mal 50 € mehr für den Eintritt zu bezahlen, wenn das dazu beitragen würde, dass wieder mehr Menschen, die ohnehin schon viel zu sehr kulturell benachteiligt und ausgeschlossen werden, die Möglichkeit bekommen teilzunehmen. (Verdammt viel Geld, aber wenn ich mir leisten kann meine blöde sauteure NorthFace-Jacke mit aufs Festival zu nehmen, relativiert sich das schon wieder...)
Bei den Preisen bleibt die Fusion leider tatsächlich einer gewissen Klasse vorbehalten. Wieso auch nicht das Supportesystem nochmals überdenken, so in Richtung pro Schicht 80 € Reduktion des Eintrittspreises. Dann könnten mehr Leute davon profitieren und trotzdem noch Party machen und halt eben wieder Pfand auf den Flaschen einführen. Ist doch für die Stände egal, wem sie das Pfand rückerstatten oder mach ich da gerade einen Denkfehler?

Ich stimme Position zum Pfandraising, die auf den Flyern am Tresen beim Roten Platz ausgedrückt wurde, voll zu: Wieso wird das Pfandsammeln erst als agressiv erlebt, seit es von rassifizierten Leuten betrieben wird? Seit 99 war ich mit zwei Ausnahmen auf jeder Fusion, es gab immer mehr oder weniger agressive Pfandsammler, ob das nun Locals mit Bollerwagen waren oder „Schmuddelkinder“, die sich so ihr Taschengeld verdienen. Auf jeder Fusion wurde ich mal angesprochen, ob mein Getränk schon augetrunken sei. Problematisiert wird es allerdings erst seit das POC tun. Das Pfandsammeln hätte Menschen, die sich ansonsten den Eintritt nicht hätten leisten können, die Teilnahme an der Fusion ermöglicht. Wenn Armutsbetroffene und POC schon auf der Fusion nur noch als „nicht ins Ortsild passend“ abgestempelt werden, ist meiner Ansicht nach nicht mehr viel von „Spirit“ zu spüren.

Die Fusion als Festival, das sich Inklusion auf die Fahnen schreibt, muss bei den Themen Rasissmus und Klassismus definitiv noch einmal über die Bücher. Und mit „die Fusion“ meine ich genau die Leute mit der Regenjacke für 400 €, die wegen 50 cent Flaschenpfand eine Anfall kriegen.

Und auch bei der Inklusion von Leuten im Rollstuhl (versucht mal aus dem Rolli an IRGENDEINEM Tresen IRGEND ETWAS zu bestellen…) ist definitiv noch gaaanz viel Luft nach oben.
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