Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

dicktiergeraet
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Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von dicktiergeraet » Di 2. Jul 2019, 22:24

Lieber Alles-Konsument,

vorweg: du wirst dich nicht mehr an unsere Begegnung erinnern, aber diese hat bei mir leider eine sehr bleibende, negative Erinnerung hinterlassen und daher möchte ich dir auf diesem Wege ein paar Worte widmen.


Wir haben uns Freitagabend am Sonnendeck „kennengelernt“. Ich hatte gerade mit zwei Freund:innen ein paar Kristalle runtergespült und wir freuten uns auf den bevorstehenden Fusionabend. Da wir (noch) nicht in riesigen Tanzwut waren, setzten wir uns unter die Birken um zu quatschen, rauchen, euphorisch zu werden – du weißt schon… Da bist du uns ins Auge gesprungen. Du saßst, offensichtlich bewusstlos an einem Baum und innerhalb weniger Minuten hatten bereits 2-3 andere Fusionist:innen deinen Zustand durch rütteln oder Pulscheck kontrolliert. Alle diese Besucher:innen liefen jedoch einfach weiter, was mich bis heute stark betrifft und sehr traurig macht. Nach einem kurzen Check und Rücksprache mit anderen Besorgten und einem Supporter (Bühnenwache), kümmerten wir uns darum, dass ein DRK-Auto kommt und dich einsammelt.

- Nur nebenbei und in Anspielung auf den Titel: der Supporter hatte dich wohl ca. 30Min. zuvor bereits gefragt, ob es dir gut ginge und was du dir reingepfiffen hättest, woraufhin du (stolz) geantwortet hättest: „Alles!“ –

Leider dauerte es sehr lange bis die Freunde vom DRK an Ort und Stelle waren. Da wir dich in Sicherheit sehen wollten, waren wir gezwungen während dieser gesamten Zeit zwischen Tanzenden und Feiernden und mit Wirkungseintritt in dieser mega unangenehmen Situation zu verbleiben. Als endlich Hilfe vor Ort war und du ins Auto befördert wurdest, sahen wir zu, dass wir schnell den Ort und die Situation wechselten. Leider gelang und dies nur örtlich. Wir fanden im weiteren Verlauf nirgends wirklich Anschluss und wanderten stumm, ziellos und bedrückt über das Gelände. Druff ohne druff zu sein. Ein sehr unangenehmer Zustand…


Ich möchte hiermit gar nicht den Moralapostel spielen oder anderen Leuten ihren Konsum absprechen. Ich unternehme auch meine Ausflüge und die Wenigsten können von sich behaupten noch nie etwas über die Stränge geschlagen zu haben. Doch ich möchte hiermit (aus meiner egoistischen Sicht) meine unfassbare Trauer um diesen sicherlich magischen Fusionabend kundtuen. Wie die Meisten freue ich mich das ganze Jahr auf die Heimat der Fusion mit all den bunten, wundervollen und schönen Menschen und Orten zu entdecken. Da wiegt es sehr schwer, einen ganzen Abend/Nacht an eine vermeidbare Scheiße wie diese zu verlieren. Der unangenehme Zustand ging vorüber, aber der verlorene Abend war nicht wiederherzustellen.
Doch auch aus nicht egoistischer Sicht habe ich in den letzten Tagen natürlich viel darüber nachgedacht und diskutiert. Ich finde dabei keine Antwort auf die Frage, warum Einige diesen einzigartigen und kreativen Ort der Fusion und dessen Freiheiten dafür ausnutzen, sich ohne Sinn und Verstand ins Delirium zu konsumieren. Ich sehe es als extrem respektloses Verhalten gegenüber anderen Besucher:innen, Aufbauenden, Künstler:innen und Verantwortlichen an. Und unabhängig davon gegenüber deinem Körper und Geist und den vielen bereichernden und sinneserweiternden Substanzen. Da ich auch an anderer Stelle ähnliche Stories mitbekommen habe, hoffe ich mit diesem offenen Brief vielleicht ein paar der maßlos übertreibenden Druffies zu erreichen und diese zu einem Perspektivwechsel und dem waghalsigen Versuch anzuregen, alle Facetten der Fusion mal mit mäßig-bedröhntem oder gar klarem Kopf zu genießen.

Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo sein mündiger Konsum aussetzt.
Die Freiheit der Einzelnen endet dort, wo ihr mündiger Konsum aussetzt.



Vielen Dank an Alle für diese wunderschöne Zeit. Ich kanns jetzt schon nicht erwarten!
¡VIVA LA FUSION!


PS: Ich hoffe du hast die ganze Sache heile überstanden und es geht dir mittlerweile wieder gut! Much Love!
Zuletzt geändert von dicktiergeraet am Di 2. Jul 2019, 22:36, insgesamt 1-mal geändert.

Took
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Re: Lieber Alles-Konsument (ein offener Brief)

Beitrag von Took » Di 2. Jul 2019, 22:35

Drogen nehmen muss man lernen. Die meisten müssen gegen Grenzen stoßen bis sie verstehen wie viel genug ist. Die meisten von uns werden in jungen Jahren zumindest einmal von Alkohol gekotzt haben und damit gespürt haben "oh das war wohl zu viel". Da die Fusion auch viele sehr junge Menschen anzieht ist dabei leider nicht zu vermeiden, dass manche übers Ziel hinaus schießen. Meine Lehre war daraus bereits vor Jahren, dass ich in diesem Umfeld keine Psychodelica mehr nehme. Ich kann eure Situation genau verstehen, ist ein Trip erstmal schlecht begonnen wird es schwer die Kurve zu bekommen. Damit muss man aber leider bei der Größe rechnen.

dicktiergeraet
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von dicktiergeraet » Di 2. Jul 2019, 23:04

Ich bin der Meinung, dass man ab einem gewissen Zeitpunkt "erwachsene" (ich hasse diese Wort) und informierte Fusionbesucher:innen nicht mehr mit dem jugendlichen Saufkopp, und einen Alkoholexzess genauso wenig mit dem blinden Konsum von Allem vergleichen und dadurch herunter spielen sollte.

Natürlich bin ich mir bei der Größe und dem Konsum natürlich bewusst über die Möglichkeit, dass so etwas passieren KANN und jedes Jahr passieren wird. Mich würde es aber bestürzen, permanent damit rechnen zu MÜSSEN, dass jemand mit X verschiedenen Substanzen intus von Sanitätern abtransportiert werden muss. Damit würde ich mich in meiner Freiheit eingeschränkt fühlen!

Da dieses Thema bereits häufig im Forum diskutiert wurde, möchte ich auf diesem Wege eine Awareness für die Sicht der Helfenden schaffen.
Zuletzt geändert von dicktiergeraet am Di 2. Jul 2019, 23:07, insgesamt 1-mal geändert.

RaveAlot
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von RaveAlot » Di 2. Jul 2019, 23:06

Ich muss leider zu dem Thema aus einem anderen Blickwinkel etwas beitragen, was mich auch das Fusion Wochenende beschäftigt hat.
Ich habe zusammen mit nem Kumpel dem Besagten versucht zu helfen. Erst lediglich angeboten Wasser zu besorgen, da er nach unser Rückkehr nicht mehr ansprechbar war haben wir den Supporter neben der Bühne informiert. Aber so richtig interessiert hat sich dieser nicht, auf unsere Frage ob er Hilfe holen könnte kam nur flapsig zurück "Wir haben kein Walkie-Talkie hier". Danach meinte er zu uns ob wir ihn nicht zum DRK Zelt bringen könnten. Das fand ich dann schon sehr frech, der Fremde konnte nichtmal stehen geschweige denn Laufen. Wir kannten uns nicht sehr gut auf dem Gelände aus und wozu gibt es denn Supporter?
Zum Glück hatte ich noch Handynetz und konnte die Notfallzentrale der Fusion um Hilfe bitten, nach ewigen 30 Minuten kam dann auch endlich mal jemand, aber wirklich ausgebildet wirkten diese auch nicht. Nach einigem Hin-und-Her haben wir dann noch mitgeholfen den Mann ins Auto zu tragen. Der Fusion Supporter war schon lange abgedampft. So habe ich absolut kein Vertrauen gewinnen können, sollte mal ein schwerwiegenderer Notfall passieren.

Ich hoffe dem Betroffenen geht es gut und zukünftige Besucher sehen nicht nur ihren eigenen Rausch irgendwie verzweifel ich ein wenig an dem Spirit der Fusion...

dicktiergeraet
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von dicktiergeraet » Di 2. Jul 2019, 23:16

Das gleich hat uns auch im Anschluss stark beschäftigt und ich möchte diese Rückmeldung ebenfalls strukturiert der Fusion geben. Ich denke den Supporter trifft in diesem Falle keine Schuld. Ich war selber bereits Supporter und manchmal kann es sein, dass man außer "Du bist dafür zuständig, dass hier niemand reingeht" keine Anweisungen oder Möglichkeiten an die Hand bekommt. In dem Sinne ist es ein Besucher mit Weste und Mini-Aufgabe. Doch da genau diese Weste sehr viel her macht, liegt hier der Knackpunkt. Ich denke ALLE Supporter:innen sollte vor Schichtbeginn mindestens über nächstliegende Hilfemöglichkeiten (und andere relevante örtliche Begebenheiten) aufgeklärt werden.
Wir haben nach diesem Vorfall immer ein Handy mit der Nummer dabei gehabt.

Auch die Wartezeit bis endlich Hilfe kam fand ich, auch nüchtern betrachtet, sehr sehr lang. Wir hatten glaube ich an 3 verschiedenen Bars nach Funksprüchen gebeten und du ja dank Handy (wobei das Netz ja auch nicht immer gegeben ist) angerufen.

Took
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von Took » Di 2. Jul 2019, 23:17

Die Supporter kann man hier nicht in die Pflicht nehmen. Das sind Besucher wie du und ich, die für den Eintritt kein Geld zahlen sondern arbeiten. Im Zweifelsfall Barpersonal ansprechen, die haben eigentlich auch immer eine direkte Durchwahl zur Security und den Sanitätern.

DujuKnow
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von DujuKnow » Mi 3. Jul 2019, 08:27

Mir ist bewusst, dass es sicher auch mal nicht so gut läuft, aber ich hatte einen völlig anderen Eindruck der Supporter*Innen. Auf unseren Reisen auf der Fusion haben wir auch hin und wieder Menschen gesehen, um die wir uns Sorgen gemacht haben. Die Supporter*Innen, die wir daraufhin angesprochen haben, wirkten hilfsbereit, gut informiert und sind immer sofort mitgekommen um den betroffenen Menschen zu sehen.

Was ich seltsam am Verhalten der anderen Menschen finde, die die Betroffene Person aus dem ersten Post inspiziert haben, ist, dass sie sich ja offensichtlich Sorgen gemacht haben. Sonst wären sie ja nicht zu der Person hingegangen. Vielleicht sind sie dann ja aufgebrochen, um Hilfe zu holen? Wäre dann aber auch seltsam, dass 30 Minuten keiner wiederkommt..

divergenz
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von divergenz » Mi 3. Jul 2019, 08:53

@dicktiergeraet:

Ich gebe dennoch zu bedenken, dass zuviel Obacht ob es denn nun anderen Menschen schlecht geht auch niemandem hilft. Gerade wenn man selber verschallert ist, kann das eigene Urteilsvermögen ja auch nen bischen off sein. Wo du im nüchternen Zustand vielleicht sehen würdest, dass da jemand zuviel getrunken hat und ihn einfach in die stabile Seitenlage bringst, kann dir sowas verpappt den ganzen turn zerstören. Wenn ich mal wen sehe dem es vielleicht schlecht geht aber meinem Urteilsvermögen nicht traue, frage ich immer wen, der klar aussieht oder einen mit den rosa/roten (?) Westen. Ich kann mcih da sonst reinsteigern und das hilft auch keinem.
Hat die Person denn gewollt, dass ihr die Ambulans ruft?

Ich weiss nicht welcher Weg der richtige ist, ich habe noch nie zuviel getrunken auf der fusion (wohl aber schon ne ganze Menge :D ) , aber wurde schon häufiger unterbrochen, wenn ich einfach nur irgendwo liegen wollte von Menschen, die sich entweder über Drogenkonsumenten amüsieren oder selber schlecht trippten und sich um alle schlafenden Sorgen machen. Muss man halt nicht so ernst nehmen.

Ronnsenn
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von Ronnsenn » Mi 3. Jul 2019, 09:08

Gut erkannt! Egoismus. So wie der sich Zudröhnende seinen Egoismus auslebt, ist es nur der konsequente Schluss, es ihm gleich zu tun. Denn, er verlässt sich einfach nur darauf, dass die "Anderen" ihm dann helfen. Aber dieses Muster ist uns doch aus unserer Gesellschaft der Heuchler bekannt. Fridays for Future, Refugees Welcome und CO2 einsparen aber Hey; die Anderen sollen doch Bitteschön dafür aufkommen.. Ich lebe einfach so weiter, will die tollsten Apple Products, Kindergenähtes, nimm in meinen 4 Wänden keinen Hilfesuchenden auf und fliege an die schönsten Hotspots der Welt ~ Und zu guter Letzt; ärgert dich auch das Publicmachen von Toten, die dir da dein Set versauen genauso, wie wenn du es in der Tageszeitung Lesen musst?

Snazl
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Re: Deine Freiheit endet dort, wo... (ein offener Brief)

Beitrag von Snazl » Mi 3. Jul 2019, 09:27

Weird konstruierte Zusammenhänge von Ursache/Wirkung.
Irgendwie haben alle Ronnsenbeiträge n sehr unangenehmem Subtext.

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